ZEUGEN VERGANGENER KÄMPFE

 

In die Tiefe zu gehen, das eigene Unbewusste zu entdecken und anzuschauen...
bedeutet manchmal die Drachen zu treffen, dem Teufel ins Auge zu schauen. Wer hält so einen Blick aus? Keiner.
Man muss schreien, um die Grenze des Wahnsinns nicht zu überschreiten. Obwohl man so oft schon an der Grenze war.
Aber was, wenn einer nicht schreien kann oder nicht darf? Dann fällt man runter und runter und runter und noch mal runter. Immer eine Schicht weiter und tiefer. Dann scheint er die Situation nicht mehr und nie wieder retten zu können.
Oder man kann auch weinen. Das hält den Teufel ab. Eine echte Träne ist Gift für ihn. Und man muss gewinnen. Was bleibt übrig? Aufhören und die Grenze des Todes überschreiten? Aus Angst vor ihm? Oh nein...
Auf dieser Welt herrscht die Hölle. Aber nebenan existiert auch die Hoffnung.

Man kann steigen, die Stufen hoch klettern. Obwohl es verdammt schwer ist und der Boden matschig und rutschig ist. Wie in einer echten Hölle. Keiner hat gesagt, dass es leicht auf dieser Welt wird. Die ganze Mühe bedeutet oft auch wieder mit dem Gesicht  im Dreck zu liegen. Und wer hat dazu die Lust und die Kraft?

Die Überwindung von Situationen, die uns an den Rand geschoben haben, ist eine harte Lektion. Es bedeutet manchmal übermenschliche Kräfte in sich finden zu müssen. Einen Helden in sich entdecken zu müssen. Einen Spiderman, würde mein Sohn sagen.
Aber wenn man schon so lange gelitten hat, wie es noch weiter einfach nicht mehr geht, in diesem Augenblick, in dem plötzlich ein bisschen Wind in die Segel kommt, muss man aufstehen. Wenn man diesen Moment erreicht, ist es so weit, dass man sich nicht mehr nur angreifen lässt. Man will dem Teufel entgegengehen, man muss eine Ausrüstung zusammenbauen und vorbereiten. Jeder Krieg braucht Waffen. Jeder muss seine eigenen Waffen finden. Vielleicht muss man auch die Strategie des Kämpfens ändern?

Manchmal kommt der Feind plötzlich, der Kämpfer muss sofort und automatisch reagieren. Man nimmt alles, was kommt, und steckt es in eines von mehreren Monstersaugen. So habe ich meine Holzstacheln, Glassstücke in die Hand genommen. Um ihn zu bekämpfen. Und um mich noch besser zu schützen, habe ich diese Materialien auf meine privaten Schilder gebaut. Als Beweise meiner Triumphe und meiner Verluste.
Die Satellitenschüssel, die ich mit verschiedene Stoffen, Materialien, Ideen überdeckt habe, um das Monster zu bekämpfen und auf Entfernung zu halten. Dies ist meine Ausrüstung, um dem Dämon, der vieles sein kann, gegenüber zu treten. Er kennt inzwischen meine Zähne. Die Stacheln, die mich schützen, meine Soldaten: Nägel und heilige Bilder. Und meinen Zorn.

Manchmal versuchte ich ihn mit Schönheit zu verblenden. Das funktioniert auch. Ein anderes Mal zwingt mich eine spontane Reaktion, ihm Blätter oder Steine ins Gesicht zu werfen, so dass er nichts mehr sieht. Der Kampf bringt Kraft. Ich habe sehr viel gelernt. Ich kann mich schon wehren, aber meine Bilder bewahren die Spuren des Kampfes – Feuer, Hass, Schläge und Hitze. Angebrannte Streichhölzer, eingebrannte Löcher oder herausgekratzte Narben. Meine Begleiter, meine Waffen, die ich nie wieder verlieren mag. Die Zeugen meiner vergangenen Kämpfe.

Wer weiß, vielleicht mache ich eines Tages einen Schild für den Dämon, der für ihn zum Spiegel wird. Wie in einem Märchen, in dem die Bestie sich selbst plötzlich in einem hässlichen Bild erkennt und damit für immer verschwindet.

Ich bedanke mich bei Frau Clarissa Pinkola Estés. Ihre „Wolfsfrau“ war ein Kompass, eine Taschenlampe für mich, die mir in totaler Dunkelheit geholfen hat den Ausgang zu finden - nachdem ich zu viele Jahre im Labyrinth des Monsters verbracht habe.

Ich habe die Erde von meinen Rock entfernt, meine Kleidung geglättet, den Dreck aus meinem Gesicht gewischt und die Haare von meiner Stirn gepustet. Auf Stöckelschuhen gehe ich weiter.

Agata Norek, 2009